Menschen von People4People

KERSTIN PLATSCH
ANNA DEMISCH
SYLVIA HANSLIK
HOURIAJ LIMAM
ANDREA FABER
NATHALIE KREIBISCH
SOUMIA RACHID


Kerstin Platsch

Seit ich im September 2015 am Frankfurter Hauptbahnhof stand und Geflüchtete in Empfang genommen habe, hat mich die Flüchtlingsthematik, und vor allem das Leid dieser Menschen, nicht mehr losgelassen. Glücklicherweise hatte ich – dank meines Jobs – die Möglichkeit direkt etwas zu tun: Wir haben beim Hessischen Rundfunk die Internetplattform people like me – Gemeinsam für Flüchtlinge  aufgebaut – Unterkünfte konnten konkret eingeben, was sie brauchen (Decken, Wintermäntel, Fahrräder, Unterwäsche, … ) und wir haben unsere Hörer, die häufig spenden wollten, aber nie so richtig wussten was gebraucht wird – dann mit den Flüchtlingseinrichtungen zusammengebracht. Parallel dazu habe ich angefangen in einer Flüchtlingsunterkunft in Fechenheim zu arbeite, in der ich Ammar, Issam und Yassin (und später auch  Souhib) kennengelernt habe.

Drei Syrer an meinem Esstisch

Mit den jungen Männern habe ich das Buch Drei Syrer an meinem Esstisch – eine Reporterin kämpft für die Integration von Flüchtlingen geschrieben: Über ihr Leben in Syrien, ihre Fluchten und die bürokratischen Hürden, an die sie immer wieder gestoßen sind und auch noch heute stoßen. Und weil Integration auch durch den Magen geht, haben wir jeden Samstag zusammen gekocht: „Wenn ich mit Ammar, Yassin und Issam arabische Gerichte koche habe ich keine Sorge, dass die gute deutsche Küche unterwandert wird, viel mehr spüre ich wie sehr sie ihre Heimat lieben und wir gerne sie Zuhause wären, an dem Ort, an dem sie einfach so sein dürfen wie sie sind, ohne sich ständig rechtfertigen zu müssen.“

Neben dem spaßigen Kochen habe ich Briefe übersetzt, bin mit „meinen“ drei Syrern zu Ämtern gegangen und  habe ihnen – inzwischen schon mit den großartigen Mädels von „people4people“ – geholfen, ihre Familien aus Syrien nachzuholen. Einen Bericht von der Ankunft von Souhibs Familie gibt es unter:Drei Syrer finden ein Zuhase. Im Mai 2016 war ich außerdem für 10 Tage in Idomeni und habe dort – zusammen mit einem Freund – und unserer bis heute befreundeten Organisation aus der Schweiz Borderfree Association – ein Schulzelt aufgebaut. Insgesamt hatten wir im Vorfeld 15.000 Euro an Spenden gesammelt, vor Ort haben wir ca. 8.000 Euro ausgegeben. Den Rest des Geldes haben wir dann – zurück in Deutschland und mit unserem dann gegründeten Verein – für die vielen Fälle nutzen können, die unsere schnelle Hilfe benötigten.

„Wir sind viele!" Das sagen wir Helfer gerne mal, wenn uns die Kraft ausgeht, wenn wir mal wieder einen Rückschlag erlebt haben, wenn wir uns über irgendwelche Absurditäten in der Flüchtlingspolitik aufregen. Aber auch wenn wir es mal wieder über irgendeine absurde Hürde geschafft haben oder wenn ein Kind uns dankbar anlächelt. „Wir schaffen das!“


Anna Demisch

Ich habe mich schon immer gegen Unterdrückung, Leid und Krieg stark gemacht – wegschauen und hinnehmen, das kann ich nicht. Der Krieg in Syrien ist eine kolossale Tragödie. Laut Einschätzung der Vereinten Nationen die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren. Wir schreiben hier einen Teil unserer Geschichte. Aus Ruanda wollte man lernen ... war das eine Lüge ...oder ist es Versagen? Wie viel Versagen ist zulässig wenn es um Mord geht? Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen.

Anfang 2016 habe ich mich verschiedenen Hilfsorganisationen angeschlossen und einen Spendenaufruf gemacht, bei dem so viel Geld zusammengekommen ist, dass ich dem Verein „Kinder auf der Flucht e.V.“ dringend benötigte Babyartikel zukommen lassen konnte, die dann auf der Balkanroute verteilt wurden. Als sich die Lage für die Flüchtlinge in Idomeni im Frühjahr 2016 dramatisch zugespitzt hat, stand für mich der Entschluss, ich muss da hin, ich will nicht einfach nur zugucken, ich will helfen. Ich hatte das große Glück und konnte mich den wunderbaren Menschen von „RW-Caro“ anschließen, gemeinsam haben wir einen XXL-Sprinter mit knapp 1,5 Tonnen medizinischen Geräten und Medikamenten nach Griechenland gefahren, die wir an Ärzteteams Vorort verteilt konnten. Ich habe in dieser Zeit so viele großartige Helfer kennengelernt, die ich immer und überall versucht haben zu unterstützen, die – auch wenn sie mal wieder gegen eine Wand gerannt sind – wieder Anlauf genommen haben, immer mit dem Wissen: „Wir sind viele!“, „Wir können alles schaffen!“, „Gemeinsam sind wir stark!“

Über den Verein SOS Konvoi Hessen Train of Hope hat mich Anfang Februar 2016 der Fall des krebskranken Kindes Abed aus Damaskus erreicht, eine große Herausforderung, vor allem die schnelle Beschaffung eines humanitären Visa. Es hat 5 Monate gedauert, in denen ich im ständigen Kontakt mit der verzweifelten Familie – die zu dem Zeitpunkt noch in Syrien war – stand. Im Juni 2016 hatte ich dann endlich den Aufnahmebescheid für Abed im Posteingang meiner Mails! Zuerst haben die Behörden den todkranken Jungen nur ohne seine Familie einreisen lassen, ich habe die Vormundschaft für Abed unternommen, aber dank der richtigen Fäden, die ich immer wieder in die Hand bekommen habe, sind sie inzwischen alle wieder vereint!

Das Netzwerk, dass sich aus dieser Zeit gebildet hat und die Menschen, die damit verbunden sind, sind seit diesem Zeitpunkt maßgeblich und entscheidend beteiligt an der Flüchtlingsarbeit die ich/wir machen und aus diesen wunderbaren Kontakten ist die Idee entstanden den Verein „people4people“ zu gründen. Netzwerke sind das A und O um in akuten Situationen schnell auf Hilfe zurückgreifen zu können. Deswegen bin ich auch froh ein Teil von Löwen in Herzen zu seien. 

http://www.loewenimherz.de


Sylvia Hanslik

Ich bin seit dem Jahr 2015 in die Flüchtlingskrise involviert. Mein anfänglicher Fokus war es, offizielle Quellen zu durchforsten und dadurch einen faktenbezogenen Informationsfluss in Richtung Balkanroute zu gewährleisten: Für verschiedene Organisationen, Volontäre auf dem Feld und nicht zuletzt für die Flüchtenden. Dadurch konnten wir vielen Personen in Not helfen, wir haben vermisste Personen auffinden können und dringend benötigte Spenden haben die Bedürftigen Menschen ohne Umwege erreicht.

Nach der Schliessung der Balkan Route wurde mir – durch die vielen Kontakte, die ich bis dahin gesammelt habe – schnell klar, dass es einen grossen Bedarf an Familiennachzug geben wird. Also habe ich mir einen fundierten Wissensstand zum Thema „Familienzusammenführung nach Dublin III / VISA“ angeeignet. Mein derzeitiger Fokus liegt bei:


Houriaj Limam

Schon seit ich klein war, hatte ich die Vorstellung, dass ich irgendwann in einem SOS-Kinderdorf leben würde, um mich um die armen Kinder zu kümmern. Ich wollte in meinem  kleinen Kopf die große Armut bekämpfen. Und das will ich noch heute: Bettelnden Obdachlosen kaufe ich gerne ein belegtes Brötchen und einen Kaffee, und ich nehme mir auch die Zeit mich mit diesen Menschen über ihre Schicksale zu unterhalten. Mein Engagement in der Flüchtlingshilfe hat am 6. September 2015 am Frankfurter Hauptbahnhof begonnen: Wir grasten jeden Zug aus München ab – von Betriebsbeginn bis Betriebsende – und versorgten die Flüchtlinge mit Nahrung und Kleidung. Da viele in unserer damaligen Helfergruppe Fremdsprachen sprechen - arabisch, englisch, farsi, dari – konnten wir die verzweifelten Menschen beruhigen und Ihnen helfen die richtigen Züge zu finden, damit sie an die gewünschten Ziele kommen konnten. Die dankbaren aber auch erschöpften Blicke habe ich seither nicht mehr vergessen und deshalb habe ich irgendwann den Entschluss gefasst nach Ungarn zu reisen, wo die Menschen in größter Not gestrandet sind. Ich gründete den SOS Konvoi Frankfurt /Train of Hope und fuhr meinen ersten Konvoi dorthin: Mit Kleidung, Geld und Manpower! Weil der Transport so erfolgreich war und es so unglaublich viele tolle Menschen gibt und gab, die mich unterstützen, folgten viele weitere Einsätze in Österreich, Slowenien, Kroatien, und Idomeni. In Lesbos habe ich dann geholfen die Familien aus den Booten zu ziehen und sie – mit einer Reihe anderer Hilfsgruppen wie Ärzte ohne Grenzen, a drop in the ocean, Ecri, u.s.w. … – zu versorgen. Ich bin definitiv jemand der anpackt wenn Hilfe gebraucht wird, was vielleicht auch daran liegt, dass ich als einziges Mädchen unter drei Brüdern schnell lernen musste mich durchzukämpfen und zu behaupten, um nicht als klassisches arabisches Mädchen hinter dem Herd zu enden.


Andrea Faber

Ich bin damit groß geworden mich politisch zu engagieren, Ostermarsch – und 1. Mai Demonstration habe ich schon im Kinderwagen besucht. Für soziale Gerechtigkeit, gegen Krieg und vor allem gegen rechts bin ich schon immer aufgestanden. Als im September 2015 das Erstaufnahmecamp in Offenbach am Kaiserlei eröffnet wurde, war schnell klar das ich da rein muss, dass ich da helfen will, dass dort viele Leute wie ich gebraucht werden, um den Menschen – nach ihrem harten und leidvollen Weg – die Hand zu reichen. Wir haben direkt gesehen, wo es am meisten fehlte und angefangen ehrenamtlich eine Kleiderkammer zu organisieren: In den Spitzenzeiten hat unser Team aus eigener Kraft bis zu 1000 Frauen, Kinder und Männer ausgestattet. Durch diese intensive Arbeit – oft 5 Tage die Woche von morgens bis abends – sind sehr persönliche und enge Kontakte zu den Bewohnern entstanden, vor allem zu den Kindern die dringend Beschäftigung brauchten.

Die nächste Herzensaufgabe war geboren: Ich habe mein komplettes Umfeld abgeklappert und alles an Rollern, Fahrrädern, Dreirädern, Rollerskates und Kinderwagen abgestaubt, um die Dinge dann direkt im Camp zu übergeben. Mein drittes Herzensprojekt: Sprachkurse! Es gibt einfach – immer noch – viel zu wenig Sprachkurse! Nach langer, intensiver Recherche habe wir – über das Bildungswerk Kolping – einen Kurs bei uns in Offenbach anbieten können, und das auch noch mit einem super Dozenten. Ich habe in dieser Zeit – bis heute – so unfassbar tolle Menschen kennengelernt: Wir kochen zusammen, bieten Tanznachmittage für Frauen an und gehen gemeinsam zu Terminen. Eine besondere Freude war es mir am Heiligen Abend ganz spontan eine Mama mit ihrer neugeborenen Tochter aus dem Krankenhaus zurück ins Camp zu bringen, wo der große achtjährige Bruder die beiden schon sehnsüchtig erwartet hat (der Papa war nicht in Deutschland)! 

Abschließen möchte ich mit meiner Reise nach Athen. Von dort habe ich einen Hilferuf von einem jungen, alleinerziehenden Vater erhalten, der dort mit seiner knapp vierjährigen Tochter mit Down Syndrom festsaß. Er wollte mit ihr nach Deutschland, um der kleinen Maus eine würdige Zukunft zu bieten, mit den Möglichkeiten die es hier für Kinder mit Trisomie 21 gibt. Leider sind sie nur bis Athen gekommen, wo die „Versorgung“ eine Katastrophe ist. Durch Spenden konnten wir den beiden Rückflugtickets in den Libanon finanzieren, die ich ihnen übergeben habe. Ich habe die zwei zu ihrem Flieger zurück zu ihrer Familie gebracht, wo sie unversehrt angekommen sind. Aber diesen Fall hat mein Herz noch nicht abgeschlossen, ich gebe nicht so schnell auf! Ich möchte die beiden nach Deutschland holen, um zu erleben wie mein kleiner Schatz laufen und sprechen lernt und eine fröhliche –  ihr gerechte – Zukunft haben kann.


Nathalie Kreibisch

Mein Interesse für das Thema Integration und die Motivation bei der Beseitigung von Integrationshindernissen mitzuwirken entspringt aus sowohl einem persönlichen, biografisch bedingten Bedürfnis, als auch aus einer langjährigen fachspezifischen und rein wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Themen Gesellschaft, Flucht und Migration.

Aufgewachsen in einer Familie mit Fluchthintergrund, war das Thema Krieg und Heimatverlust für mich immer präsent. Durch Krankheit bedingt, musste ich meine reguläre Schullaufbahn unterbrechen und sämtliche Schulabschlüsse nachholen. In dieser Zeit habe ich erlebt, wie schwer es ist, wenn der Zugang zu Bildung und dem Arbeitsmarkt „erkämpft“ werden muss und welche - oft unnötigen – gesetzlichen und bürokratischen Hürden auftreten können, wenn sich die eigene Biographie nur in einem einzigen Punkt außerhalb der Norm bewegt.

Auf Grundlage dieser Erfahrungen und über zahlreiche Gespräche mit Betroffenen, habe ich eine leise Ahnung davon entwickeln können, was es bedeutet, in einem fremden Land neu Fuß fassen zu müssen, weit entfernt von Freunden und Familie, ohne Sprachkenntnisse, ohne Arbeit, ohne eigene Wohnung und zunächst auch ohne konkrete Perspektiven.

Die Fluchtthematik begleitet mich auch in meinem Studium durch Schwerpunkte in den Bereichen Migration, Kultur und Rassismusforschung sowie Wissensoziologie und Jugend- und Entwicklungspsychologie. Einblicke in die Traumaforschung, die Critical Whiteness Studies und Michel Foucaults Theorien zu Wissen und Macht im Zusammenhang mit moderner Staatlichkeit veranlassen mich dazu, die geführten Integrationsdebatten nicht nur auf der menschlichen, sondern auch auf einer strukturellen und politischen Ebene zu betrachten.

(Mit den Begriffen „Flüchtling“, „Illegaler Einwanderer“, „Migrant“ und „Migrantin“ werden Kategorien geschaffen, die keine „natürlich existierende“ Gruppe von Menschen beschreiben, sondern die Subjekte als „existierend“ erst hervorbringen. Klassifikationen können als Instrument begriffen werden, Migration zu regulieren und zu regieren – die jeweiligen Kategorien sind an unterschiedliche gesetzliche Regelungen geknüpft,  die die Lebensbedingungen und den Zugang  zur gesellschaftlichen Teilhabe erleichtern oder eben verweigern/erschweren.)

Meine Ambitionen bestehen darin, den Begriff „Integration“ wieder in seiner ursprünglichen Bedeutung zu verwenden und eine tatsächliche Gleichstellung von Rechten, Chancen und Pflichten zu ermöglichen, statt gesellschaftliche Teilhabe durch Integrationshürden zu behindern. Dazu zählen Familienzusammenführung, medizinische Versorgung, Sprachvermittlung, Bildungschancen und Arbeitsmarktzugang, aber auch die Beseitigung  von individuellem wie institutionalisiertem Rassismus und die Anerkennung der einzelnen Person als Individuum auf Augenhöhe mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen, die artikuliert werden dürfen und sollen.


Soumia Rachid

Ich bin Deutsche Muslima mit Migrationshintergrund. Seit August 2015 arbeite ich mit Flüchtlingen. Anfänglich habe ich bei der Essensverteilung in den ersten Notunterkünften in und um Bergheim/Köln geholfen. Danach wurde ich Teamleiterin in verschiedenen Notunterkünften und in Hallen und Heimen, wo Flüchtlinge den Städten dauerhaft zugewiesen wurden. Um diese vor Ort zu integrieren und um Ehrenamtler zu organisieren für die Deutsch-Sprach-Kurse, sowie für Sach- und Kleiderspenden und anderen vielen administrativen Aufgaben. Seitdem die Hallen im Frühjahr 2016 geschlossen und die Flüchtlinge in Wohnungen und anderen Heimen untergebracht worden sind, half ich ehrenamtlich weiter. Es ehrt mich, mit ansehen zu können, wie sich einige Flüchtlinge hier in Deutschland/Europa integrieren und sich weiter entwickeln, nach dem Krieg und den Strapazen der Flucht! Durch meine arabisch Sprachkenntnisse – ich verstehe alle Dialekte und spreche einige davon – kann ich den Flüchtlingen in vielerlei Hinsicht helfen zur Selbsthilfe, und sie auf ihrem Weg erfolgreich zu werden hier in Deutschland und Europa, zu unterstützen und fördern …